Nina Schiffer: „Leer“

* Laute Stimme*

Du da, dritte Reihe, fünfter Platz von links,
hast du schon einmal darüber nachgedacht,
dass ständig irgendwelche Menschenrechte verletzt werden?

„Ach, das mit der Diskriminierung ist doch halb so schlimm“,
ruft ihr alle ganz laut,
so laut, dass es sich auch ein anderer traut,
genau der, der das Fass zum Überlaufen bringt –
Warum tut ihr denn nichts?

Ihr schaut dabei zu,
wie Obdachlose auf der Straße schlafen,
verzweifelt um jeden Cent betteln
und im Winter um Leben und Tod kämpfen –
Wo ist ihr Zuhause?
Wo ihr Recht darauf? Haben sie kein Recht auf soziale Sicherheit?

In meiner Klasse war mal ein Mädchen,
nett, dankbar und motiviert.
Sie wurde abgeschoben,
in ihr Land vertrieben.
Juckt euch doch nicht, ob sie dort kaputt geht,
verhungert, verdurstet –
Aber posaunt ihr denn nicht in die Welt hinaus,
dass jeder Mensch das Recht auf ein sicheres Zuhause hat?

Und jeder Mensch hat das Recht auf eine freie und gerechte Welt?
Hahaha, dass ich nicht lache!

Es gibt zu viele Beispiele.
Frei.
Gerecht.
Sorry, aber das ist eine Illusion.
Eine schöne Illusion.
Und sie bricht hinter der Fassade zusammen.

„Wir sind ein starkes Land“, sagt ihr,
„Wir sind ein gutes Land“, sagt ihr,
und vor allem sagt ihr, dass bei uns die Menschenrechte eingehalten werden…
…doch auch bei uns steht das Wort „Würde“ im Konjunktiv – Warum, frag ich mich.
Dich.

 

*Farblos*

Ich starre auf die dunkle Decke,
frage mich, was du gerade machst,
und erinnere mich daran, wie du lachst.

Hab dich immer für dein Strahlen geliebt,
doch plötzlich ist es verschwunden
und du bist nur noch eine von Vielen.

Du bist farblos,
wortlos,
kraftlos.

Bist nur noch in Schwarzweiß zu erkennen,
scheinst nicht mehr so wie früher,
hast deine Farbe verloren.

Du versuchst dir nichts anmerken zu lassen,
versuchst stark zu bleiben,
für mich, für uns.

Doch du bist farblos,
wortlos,
kraftlos.

Ich merke, dass das nur ein Schauspiel ist,
dass du nur noch hier weg willst,
dass du am Ende bist.

Aber du siehst nicht, wie es mich zerreißt,
wie es mich innerlich auffrisst,
und meine Augen glasig werden.

Du bist farblos,
wortlos,
kraftlos.

Als hätte jemand gegen den Spiegel geschlagen,
zersplittert dein Bild.
Das hätte ich nie von dir gedacht,
du bist nicht mehr die, die du einmal gewesen bist.

Du bist noch da,
aber nicht mehr du,
lebst nur noch von Stunde zu Stunde.

Denn im Moment bist du farblos,
wortlos,
kraftlos.

Ich wünschte, ich könnte dir helfen,
ich wünschte, ich könnte mit dir reden,
ich wünschte, ich könnte irgendwas verändern.

Ich fühle mich
hilflos,
machtlos,
sinnlos.

Du bist farblos,
wortlos,
kraftlos.

Du bist immer für deine Stärke bekannt gewesen,
doch jetzt wirst du von der Menge verschluckt
und bist nur noch ein graues Etwas.

Doch irgendwann wirst du wieder strahlen,
wieder die sein, die du einmal warst,
wieder Zeit für dich haben.

Aber im Moment bist du farblos,
wortlos,
kraftlos.

Ich würde dir gerne sagen,
dass ich dir immer zur Seite stehe,
aber ich kann nicht.

Weil immer etwas zwischen uns stehen wird.
Doch ich wünsche mir, dass du das schaffst
und eines Tages wieder lachst.

Denn im Moment bist du farblos,
wortlos,
kraftlos.

Doch irgendwann wird dein Leben wieder bunt sein,
in vielen Farben strahlen
und so sein wie früher.

Farbspritzer überall,
ein Regenbogen am Himmel
und die Sonne im Rücken.

Das verspreche ich dir.

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