Texte

Patricia Fröschen: „Schwarze Löcher“

1971, Ostküste Deutschlands

Sein Großvater hustete. Er beugte sich dabei zur Seite weg und Martin sah nur, wie sich sein ganzer Körper unter Krämpfen schüttelte. Er wusste, dass sein Großvater gerade nach Luft röchelte und gleichzeitig versuchte, Martin nicht zu beunruhigen. Wahrscheinlich dachte er, Martin hätte Angst, seinen Zustand noch deutlicher zu sehen, als er es ohnehin schon tat.

Er hatte Recht.

Seine Mutter sagte immer, es stünde schlecht um seinen Großvater. Er würde nicht mehr sehr lange leben und Martin solle nicht weinen, damit Großvater kein schlechtes Gewissen bekäme. Sie sagte, sein Großvater liebe ihn. Sie sagte, er wäre stolz auf ihn. Martin, der halb auf der Bettkante saß, streichelte seinem Großvater leicht über den Arm. Er wollte, dass seine Mutter Recht hatte. Er würde einmal ein so großer Held werden wie sein Großvater und aus dem Himmel heraus würde er noch immer stolz auf Martin sein.

Sein Großvater richtete sich auf und hüstelte nur noch ein bisschen. Auf seinem vertrauten, faltigen Gesicht bildete sich ein Lächeln, als er Martin ansah.

„Erzähl weiter“, bat Martin. Seine Mutter sagte auch, dass er seinen Großvater nicht noch auf seine Schwäche aufmerksam machen sollte. Sie wäre ihm bewusst. „Noch eine Geschichte aus dem Krieg.“

Das Lächeln wurde noch etwas breiter, die braunen Augen begannen begeistert zu funkeln. Sein Großvater hatte selbst in beiden Weltkriegen gekämpft, das wusste Martin. Aber er erzählte lieber vom ersten Weltkrieg. Der Krieg, dessen Sieg wir verdient hätten, pflegte er zu sagen.

„Noch eine Geschichte?“ Sein Ton wurde geheimnisvoll, aber das war nur gespielt. Sein Großvater liebte es, wenn Martin mit seinen Kriegsgeschichten mit fieberte, deshalb würde er sich nicht lange bitten lassen.

„Also…“, begann er zu erzählen. „Kennst du denn schon die Geschichte, wie mich eine Frau vor der Kriegsgefangenschaft bei den Franzosen bewahrte?“

Martin schüttelte den Kopf.

„Na, dann hör mal gut zu, mein Junge.“ Sein Großvater straffte sich ein bisschen und lehnte sich aufrecht an seinen Bettpfosten. „Meine früheren Kumpanen und ich fochten zu Beginn des Krieges noch an der Grenze zu Elsaß-Lothringen. Eines Abends ließen wir uns auf ein beinahe tödliches Scharmützel mit den Franzosen ein…“

 

Der Geruch von Erde und Blut lag in der Luft. Immer wieder durchschnitt ein lauter Knall die Stille des Waldes, wenn ein Gewehr abgeschossen wurde. Geralt hockte, eng an einen Baum gepresst, hinter einigen dichten Sträuchern. Seine Gruppe hatte er verloren, als die Franzosen plötzlich aus den Büschen gebrochen kamen und das Chaos des Krieges begann. Jetzt saß er wie ein Feigling hier in seinem Versteck und wusste nicht mehr, wer noch Freund und wer schon Feind war.

Worte wurden gerufen, aber er verstand sie nicht. Menschen rannten eilig umher, immer auf der Suche nach Deckung. Schreie ertönten, wenn sie keine fanden und getroffen wurden. Geralt schluckte heftig, tastete kurz nach dem blauen Tuch um seinen Arm, das ihm seine Mutter als Zeichen ihres Stolzes mitgegeben hatte, und packte seine Waffe fester.

Er würde kämpfen. Für sein Heimatland.

Vorsichtig, mit der Waffe im Anschlag, schlich Geralt ein Stück aus seinem Versteck. Er entdeckte einen französischen Soldaten, der eine dicke Eiche als Deckung benutze. Der Mann hatte ihn noch nicht bemerkt.

Geralt legte die Waffe an, atmete langsam aus und zielte mit ruhiger Hand auf den Feind. Er hatte ihn fest im Visier. Doch gerade, als er abdrücken wollte, hörte er einen ohrenbetäubend lauten Knall. Alles wurde schwarz.

 

Als er langsam erwachte, behielt er die Augen fest geschlossen. Er lag bäuchlings mit herunterhängenden Gliedmaßen auf einem warmen, pelzigen Objekt, das sich schaukelnd und schnaubend fortbewegte. Neben ihm vernahm er ein leises Tapsen, manchmal unterbrochen von einem ebenso leisen Knirschen.

Jetzt ist es geschehen, dachte Geralt, die Franzosen haben mich erwischt. Aber er war weder an das Pferd, das ihn trug, gefesselt worden noch geknebelt und auch die französischen Soldaten schienen zu fehlen. Er musste mehr wissen.

Vorsichtig öffnete Geralt die verklebten Augen. Schwaches Licht fiel auf den hellen Erdboden unter ihm, nur durchbrochen von den schwarzen Schatten der Bäume. Hellgrüne Farne am Wegrand raschelten bei jedem Windstoß. Scheinbar befand er sich noch immer im Wald, wenn auch in einem lichteren, stilleren Teil. Er betrachtete die tellergroßen, hellen Hufe des Pferdes, die regelmäßig einen tiefen Abdruck im Boden hinterließen.

Ganz vorsichtig drehte er seinen Kopf ein Stück zur Seite in die Richtung, aus der er die Geräusche vernahm. Selbst diese kleine Bewegung ließ seine Augen Sterne sehen und seinen Kopf schmerzhaft pochen. Er unterdrückte ein Stöhnen und versuchte krampfhaft, seinen Blick zu fokussieren.

Ein paar Meter vor ihm ging eine kleine Frau, mit so sicheren Schritten, als würde sie keinen Überfall fürchten. Weiße, kurze Haare flatterten leicht in den windigen Böen, die durch den Wald peitschten. Sie trug nicht die angemessene Kleidung einer Frau, sondern ähnelte mehr einer Außenseiterin, einer Waldläuferin sogar. An ihren Fingern meinte Geralt, blaue Funken blitzen zu sehen, die lautlos verpufften, als er sie genauer betrachten wollte.

Sie stolzierte so selbstsicher durch den Wald, obwohl sie kleiner als jeder Mann war. Geralt schien es, als würden sich sogar die Bäume von ihr wegdrehen, als würden auch sie die Aura von Wut und Rache um die Frau spüren und ihr ausweichen wollen.

Das nachtschwarze Pferd, auf dem er lag, war weder getrenst noch gesattelt. Es lief vollkommen freiwillig neben der Frau her, als wäre sie seine Herrin.

„Ich verstehe es nicht“, sagte die Frau plötzlich. Geralt hielt vor Schreck die Luft an. Sie hatte ihn bemerkt! „Wieso tötet sich dieselbe Rasse selbst? Damit schaden sie doch nur sich selbst.“ In ihrer für eine Frau ungewöhnlich dunklen, fremdartigen Stimme klang absolutes Unverständnis mit. Geralt blieb still. Scheinbar sprach die Frau doch nicht mit ihm. Sie schien nicht einmal zu merken, dass er inzwischen erwacht war.

„Ja, ich weiß“, sagte sie nach einer kurzen Pause. Ihr Akzent klang anders als alles, was Geralt je gehört hatte. Sie sprach schneller und abgehackter als andere Menschen, achtete aber scheinbar penibel darauf, jedes Wort bis zum letzten Buchstaben richtig und ganz auszusprechen. „Aber sie sterben aus, wenn sie sich gegenseitig umbringen.“

Geralt lauschte, ob er noch eine weitere Person hören konnte. Seinen Kopf zu drehen, kam für ihn nicht infrage, er würde dabei nur wieder in Ohnmacht fallen. Das durfte nicht passieren. Er war der Frau, die er nicht einschätzen konnte, sowieso schon unwiederbringlich ausgeliefert. Da musste er sich nicht noch angreifbarer machen. Außerdem konnte er außer den festen Tritten des Pferdes keine weiteren Schritte ausmachen.

Plötzlich wieherte das Pferd und drehte den Kopf, sodass es Geralt direkt ansehen konnte. Seine dunkelbraunen Augen trafen Geralts und dem Soldaten kam es so vor, als würde das Pferd ihn wirklich sehen. Er schluckte hart, aber das war ein Fehler. Ein Hustenreiz bahnte sich in seinem Hals an und war nicht aufzuhalten. Es schüttelte ihn so stark, dass er beinahe vom Pferd kippte. Sein Hals brannte und nur mit Mühe konnte er sich davon abhalten, sich hier und jetzt zu übergeben.

„Ich sehe, unser stummer Gast ist erwacht“, sagte die dunkle Stimme direkt neben ihm. Geralt presste die Lippen fest zusammen und versuchte, sich wieder gerade auf das Pferd zu legen, um die Frau ansehen zu können. Sie schien sein Bemühen zu bemerken, denn ihre kleine Hand packte seinen Oberarm im festen Griff und zog ihn mühelos zurück. Geralt schloss kurz die Augen, um die erneut aufkommende Übelkeit zu unterdrücken.

„Du hast Recht“, sagte die Frau und lachte belustigt auf. „Wenigstens eine Sache, die die Menschen mit uns gemeinsam haben. Man muss nicht stark sein, um ein Krieger zu sein.“ Sie schnaubte verächtlich und tätschelte unsanft seinen Arm. Geralt atmete tief ein und öffnete seine Augen.

Er erblickte ein weiches, blasses Gesicht mit einer geraden, spitzen Nase, einem schmalen, angriffslustig verzogenem Mund und stark geschwungenen, weißen Augenbrauen, die dem sonst schönen Gesicht einen dauerhaft wütenden Ausdruck verliehen. Aber das, was ihn erschreckte, waren ihre Augen. Sie waren weiß. Die schwarzen Pupillen stachen wie schwarze Löcher aus ihrem sonst hellen Gesicht hervor, so als könnte man hineinfallen in das ewige Nichts, wenn man nicht achtgab. Geralt zuckte ein Stück zurück.

Ganz kurz zeigte sich ob dieser Reaktion ein Ausdruck der Verletztheit auf dem Gesicht der Frau, ehe sie wieder ihre kalte Maske der Gleichgültigkeit aufsetzte und sich abwandte. „Und noch eine Sache, in der sie nicht anders sind als wir“, schnaubte sie und zog prüfend an einem dicken Ast, der auf den schmalen Waldweg ragte, auf dem sie stehen geblieben waren. Geralt überlegte kurz, ob er fliehen sollte, aber erstens würde er nicht weit kommen und zweitens hatte die Frau ihm nichts getan. Nun, noch nicht.

„Ja, du hast Recht. Es war eine dumme Idee, ihnen hierher zu folgen. Wir brauchen nicht noch mehr Mord, Totschlag und Verrat.“ Das Pferd wieherte erneut, als wollte es der Frau antworten. Geralt fragte sich, ob sie Selbstgespräche führte. Ob sie so einsam war, dass sie niemanden außer sich selbst zum Reden hatte?

Jetzt stützte sie sich prüfend auf den Ast, wie um zu testen, ob sie ihn brechen konnte. Geralts Meinung nach war das unmöglich. Der Ast war im Verhältnis zu ihrer Körpergröße viel zu dick, um gebrochen zu werden. Aber sie streckte die Hand aus und machte Anstalten, ihn mit einem Schlag vom Stamm abzutrennen.

„Hmpf“, machte Geralt protestierend, aber sie zuckte nicht einmal zusammen. Einzig das Pferd stapfte einmal fest mit dem Huf auf den Boden, als wollte es Geralt unterbrechen. Mit der Handkante traf die Frau den Ast an der Auswuchsstelle und Geralt erwartete, dass sie aufschreien und zurückspringen würde. Aber zu seiner großen Überraschung erzitterte der Baum und der Ast fiel unter der Wucht ihres Schlages krachend auf den Boden. Die Abbruchstelle war komplett glatt, als hätte sie den Ast gesägt anstatt geschlagen.

Geralt starrte sie schweigend und mit großen Augen an, als sie das Holz ohne Probleme hochnahm und begann, die Blätter abzureißen. „Ich verstehe euch Menschen nicht“, sagte sie. Diesmal war Geralt sich sicher, dass sie mit ihm sprach. „Kanntest du die Menschen, die du getötet hast? Haben sie dir etwas getan? Denkst du daran, dass sie sind wie du, wenn du sie erschießt?“ Sie unterbrach ihre Arbeit kurz und sah ihn abwartend an. Geralt antwortete nicht. Er war zu besorgt wegen ihrer merkwürdigen Augen und der übermäßigen Kraft. Er glaubte kurz, sie könnte vielleicht nur seinem überforderten Geist entspringen. Vielleicht lag er noch immer in dem Wald, in dem er angeschossen worden war und dies hier war sein Todestraum.

Sie seufzte, als er auch weiterhin keine Anstalten machte, ihr eine Antwort zu geben. „Du warst ein Fehler“, sagte sie noch, bevor sie den jetzt kahlen Ast hochnahm und ihm die dicke, glatte Spitze mit Wucht gegen die Schläfe rammte. Ein scharfer Schmerz raste durch Geralts Kopf. Erneut wurde alles schwarz.

Als er abermals erwachte, tat er das gerade rechtzeitig, um der Patrouille einer nahen Anlage zu winken, die ihn aufsammelte. Kurz bevor er weggetragen wurde, bemerkte er die Hufspuren auf dem Waldboden, die in die entgegengesetzte Richtung führten.

Er hatte nicht geträumt.

 

Als sein Großvater endete, lächelte er gedankenverloren ins Leere. Martin hing noch immer an seinen Lippen. Er wartete auf die Auflösung, er wollte hören, wer oder was diese Frau gewesen war. Aber diesen Gefallen tat ihm sein Großvater nicht.

„Später erfuhr ich, dass die Frau mich fast durch das halbe Elsaß transportiert hatte, bevor sie mich in der Nähe der Patrouille zurückließ. Hätte sie mich dort gelassen, wo ich getroffen worden war, wäre ich in Kriegsgefangenschaft geraten. Sie hat mich gerettet… und ich kenne nicht einmal ihren Namen. Stattdessen hielt ich sie für einen Dämon.“ Sein Großvater schwieg. Martin fragte sich, ob die Frau nicht sowohl ein Dämon als auch eine Retterin sein könnte.

Die Tür zum Krankenzimmer öffnete sich und Martins Mutter steckte ihren Kopf hinein. „Martin, komm, wir müssen jetzt gehen. Du hast lange genug mit deinem Großvater gesprochen.“ Bedauernd stand Martin auf und trottete zur Tür. Er hätte gern noch mehr über die mysteriöse Frau gehört. Was war wohl aus ihr geworden?

„Tschüss Vater. Wir kommen morgen wieder“, sagte Martins Mutter und küsste ihren Vater zum Abschied auf die Stirn, ehe sie Martin an die Hand nahm und mit ihm das Zimmer verließ. Sein Großvater zwinkerte ihm noch kurz zu, bevor die Zimmertür sich schloss.

Lustlos lief Martin neben seiner Mutter her nach Hause. Sie behielt seine Hand fest in ihrer und zog ihn so fast unsanft hinter sich her. Sie gingen eilig, bis seine Mutter am Hafen plötzlich in eine ihrer Freundinnen lief: „Marian?“

Die blonde Frau zuckte zusammen und blickte sich erschrocken um. Erst dann erkannte sie Martin und seine Mutter, die mitten auf dem Gehweg standen. Seine Mutter und Marian umarmten sich herzlich. Martins Blick glitt abwesend hinüber zum Wasser. Er wusste, dass seine Mutter jetzt erst einmal eine ganze Weile mit ihrer Freundin sprechen würde.

„Wie geht es deinem Vater? Besser? Oder ist er noch immer so krank?“ Marians Stimme klang besorgt.

„Sicher, sicher“, sagte Martins Mutter eilig. „Aber zu etwas anderem: Bleibt es nächste Woche bei unserer Verabredung zum Tanzen?“

„Ja, natürlich, ich habe schon…“ Martins Mutter vertiefte sich so in das Gespräch mit ihrer Freundin, dass sie Martin darüber ganz vergaß. Er entwand sich vorsichtig ihrem Griff und ging ein Stück hin zum Meer. Von hier aus konnte er an der schmutzigen Kaimauer herunter ins fast grüne Wasser blicken, das manchmal sogar fast bis an seine Füße spritzte.

Während er so da stand und an den Stegen die kleinen, schaukelnden Boote betrachtete, dachte er an die Geschichten seines Großvaters. Seine Mutter sagte manchmal, er würde übertreiben, aber Martin glaubte das nicht. Sein Großvater erzählte so echt, so real… sogar jetzt noch dachte Martin, dass er den Blick der Frau im Rücken spüren würde.

Warum hatte sie seinen Großvater gerettet, wenn sie ihn doch nicht einmal kannte? Und warum hatte sie sich so merkwürdig benommen? Martin hob ratlos seine Hände und drehte sie im dämmrigen Sonnenlicht in alle Richtungen. Sie verströmten keine blauen Funken und sie könnten wahrscheinlich auch keinen Ast zerschlagen.

Warum ihre?

Sein Nacken kribbelte. In weiter Ferne meinte er, Hufe klappern zu hören. So echt erschien ihm die Geschichte seines Großvaters schon. Erschrocken nahm Martin seine Hände herunter und wollte zu seiner Mutter zurücklaufen, als sein Blick fast zufällig über eine Frau glitt.

Sie beobachtete ihn. Sie beobachtete ihn schon die ganze Zeit, aus ihren Augen mit den schwarzen Löchern. Martin erstarrte vor Schreck. Keinen Finger konnte er rühren, als sich ihm die kleine Frau eilig näherte. Sie sah genauso aus wie sein Großvater sie beschrieben hatte. Keinen Tag älter!

Ängstlich starrte er sie an, als sie schon fast vor ihm stand. Weiße Haare lugten unter einer großen Kapuze hervor, die zu einem weiten, schwarzen Mantel gehörte. Kleine, blaue Funken sprühten um ihre linke, blasse Hand, die sie jetzt langsam nach ihm ausstreckte. Martin wollte schreien und weinend zu seiner Mutter fliehen, aber der irre Blick voller Hoffnung in ihren dämonischen Augen hielt ihn davon ab.

Wie in Trance standen sie beide da, als die Frau ihren Zeigefinger auf seine Stirn legte. Martin schauderte und wurde gleichzeitig das Gefühl nicht los, dass jetzt irgendetwas passieren müsste. Etwas Wichtiges.

Aber es geschah nichts.

Der hoffnungsvolle Gesichtsausdruck der Frau fiel in sich zusammen, ihr kalter Finger rutschte von seiner Stirn. „Du bist es nicht“, flüsterte sie. Martin kam sie verzweifelt vor.

Sie wandte ihm jetzt den Rücken zu und machte Anstalten, zum Hafen herunterzugehen. Martin starrte ihr nur stumm hinterher.

„Martin“, rief seine Mutter so laut, dass er zusammenzuckte und sich automatisch nach ihr umdrehte. Sie stand noch immer mit ihrer Freundin auf dem Gehweg, genau dort, wo Martin sie zurückgelassen hatte. „Komm ein Stück vom Wasser weg, sonst fällst du noch.“

Martin wollte ihr zuschreien, dass er die Frau gesehen hatte, von der sein Großvater erzählte. Er wollte ihr sagen, dass sein Großvater nicht log. Er wollte die Frau packen und zu seinem Großvater führen…

Aber als er sich umdrehte, da war sie einfach verschwunden.

 

 

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Nina Schiffer: „Leer“

* Laute Stimme*

Du da, dritte Reihe, fünfter Platz von links,
hast du schon einmal darüber nachgedacht,
dass ständig irgendwelche Menschenrechte verletzt werden?

„Ach, das mit der Diskriminierung ist doch halb so schlimm“,
ruft ihr alle ganz laut,
so laut, dass es sich auch ein anderer traut,
genau der, der das Fass zum Überlaufen bringt –
Warum tut ihr denn nichts?

Ihr schaut dabei zu,
wie Obdachlose auf der Straße schlafen,
verzweifelt um jeden Cent betteln
und im Winter um Leben und Tod kämpfen –
Wo ist ihr Zuhause?
Wo ihr Recht darauf? Haben sie kein Recht auf soziale Sicherheit?

In meiner Klasse war mal ein Mädchen,
nett, dankbar und motiviert.
Sie wurde abgeschoben,
in ihr Land vertrieben.
Juckt euch doch nicht, ob sie dort kaputt geht,
verhungert, verdurstet –
Aber posaunt ihr denn nicht in die Welt hinaus,
dass jeder Mensch das Recht auf ein sicheres Zuhause hat?

Und jeder Mensch hat das Recht auf eine freie und gerechte Welt?
Hahaha, dass ich nicht lache!

Es gibt zu viele Beispiele.
Frei.
Gerecht.
Sorry, aber das ist eine Illusion.
Eine schöne Illusion.
Und sie bricht hinter der Fassade zusammen.

„Wir sind ein starkes Land“, sagt ihr,
„Wir sind ein gutes Land“, sagt ihr,
und vor allem sagt ihr, dass bei uns die Menschenrechte eingehalten werden…
…doch auch bei uns steht das Wort „Würde“ im Konjunktiv – Warum, frag ich mich.
Dich.

 

*Farblos*

Ich starre auf die dunkle Decke,
frage mich, was du gerade machst,
und erinnere mich daran, wie du lachst.

Hab dich immer für dein Strahlen geliebt,
doch plötzlich ist es verschwunden
und du bist nur noch eine von Vielen.

Du bist farblos,
wortlos,
kraftlos.

Bist nur noch in Schwarzweiß zu erkennen,
scheinst nicht mehr so wie früher,
hast deine Farbe verloren.

Du versuchst dir nichts anmerken zu lassen,
versuchst stark zu bleiben,
für mich, für uns.

Doch du bist farblos,
wortlos,
kraftlos.

Ich merke, dass das nur ein Schauspiel ist,
dass du nur noch hier weg willst,
dass du am Ende bist.

Aber du siehst nicht, wie es mich zerreißt,
wie es mich innerlich auffrisst,
und meine Augen glasig werden.

Du bist farblos,
wortlos,
kraftlos.

Als hätte jemand gegen den Spiegel geschlagen,
zersplittert dein Bild.
Das hätte ich nie von dir gedacht,
du bist nicht mehr die, die du einmal gewesen bist.

Du bist noch da,
aber nicht mehr du,
lebst nur noch von Stunde zu Stunde.

Denn im Moment bist du farblos,
wortlos,
kraftlos.

Ich wünschte, ich könnte dir helfen,
ich wünschte, ich könnte mit dir reden,
ich wünschte, ich könnte irgendwas verändern.

Ich fühle mich
hilflos,
machtlos,
sinnlos.

Du bist farblos,
wortlos,
kraftlos.

Du bist immer für deine Stärke bekannt gewesen,
doch jetzt wirst du von der Menge verschluckt
und bist nur noch ein graues Etwas.

Doch irgendwann wirst du wieder strahlen,
wieder die sein, die du einmal warst,
wieder Zeit für dich haben.

Aber im Moment bist du farblos,
wortlos,
kraftlos.

Ich würde dir gerne sagen,
dass ich dir immer zur Seite stehe,
aber ich kann nicht.

Weil immer etwas zwischen uns stehen wird.
Doch ich wünsche mir, dass du das schaffst
und eines Tages wieder lachst.

Denn im Moment bist du farblos,
wortlos,
kraftlos.

Doch irgendwann wird dein Leben wieder bunt sein,
in vielen Farben strahlen
und so sein wie früher.

Farbspritzer überall,
ein Regenbogen am Himmel
und die Sonne im Rücken.

Das verspreche ich dir.

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